Ostwind. An Energie gewinnen.

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"An der Schwelle zu einer neuen Ära"

02.07.2019

Festrede von Ulrich Lenz zum zehnjährigen Bestehen der Energieagentur Regensburg

Mit rund 120 Gästen feierte die Energieagentur Regensburg (EAR) am 25. Juni  ihr zehnjähriges Bestehen. Festredner war dabei OSTWIND-Vorstand Ulrich Lenz (Foto) als Gründungsmitglied der Energieagentur.

Dem Abschied von der Atomenergie 2020 und von der Braunkohle bis 2035 stehe aktuell eine „zum absoluten Stillstand“ gekommene Entwicklung bei den erneuerbaren Energien gegenüber, kritisierte er. „Da gibt es keinen Platz mehr für eine 10H-Regelung!“, so Lenz. Nachfolgend seine Festansprache im Wortlaut.

In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde ich aufmerksam auf eine Schrift von Ernst Friedrich Schumacher. »Small is beautiful« hieß sie, »Die Rückkehr zum menschlichen Maß.« Schumacher hatte wesentliche politische und wirtschaftliche Entwicklungen, die uns heute zum Handeln zwingen, bereits vor 1973, dem Erscheinungsjahr seines  Buches, vorausgeahnt. Mit seiner Vision einer humanen Technologie, die einen geringeren Fußabdruck hinterlässt und den Menschen ein Höchstmaß an selbstbestimmten Tätigkeiten erlaubt, hat er viel von dem vorweggenommen, was wir heute unter »Zukunftsfähigkeit« und »nachhaltiger Entwicklung« verstehen.

Energieagenturen allerdings gab es damals noch nicht. Eine der ersten entstand 1991 in Niedersachsen, alsbald folgten weitere Bundesländer mit der Gründung solcher Agenturen und schließlich begannen Landkreise wie auch Städte mit der Gründung von Dienstleistungsagenturen im Bereich der Energiewirtschaft.

Energie und Klimaschutz in einer Agentur vereint

Als vor zehn Jahren die Energieagentur Regensburg (EAR) gegründet wurde, war das ein naheliegender Prozess — denn Energieagenturen wie die EAR sind Einrichtungen, die dezentral und innerhalb kleiner Strukturen am besten arbeiten. Nicht Serviceleistung für große Institutionen, nicht die Beratung von Konzernen oder Regierungen — sondern die Wahrnehmung von Aufgaben dort, wo die Bedingungen durchsichtig, die Strukturen überschaubar und die Erfolge realisierbar sind.

Stichworte zur Ausgangssituation:       

  • Energiewende,
  • Einbindung der Kommunen,
  • Verknüpfung der im Raum Regensburg ansässigen Firmen mit Wissenschaft, Forschung und Politik.

Die EAR war damals die dritte Energieagentur in ganz Bayern, in der sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in einem Verein für die Sache Energie und Klimaschutz vereinten. Aus meiner Sicht bestand die größte Herausforderung darin, die unterschiedlichen Mitgliedergruppen von Politik und Wirtschaft gleichzeitig zufrieden zu stellen.

Wir Gründungsmitglieder konnten schnell erkennen, dass es sich dabei um eine Zerreißprobe für die EAR-Truppe handelt. So wollten die einen zunächst ganz schnell viel Energie einsparen und die anderen so schnell wie möglich Energie erzeugen — und am besten noch eine Genossenschaft gründen.

Dieser immerwährende Balanceakt ist Ludwig Friedl als Geschäftsführer gemeinsam mit seinem Team geglückt. Ausgehend von den damals 52 Gründungsmitgliedern brachten sie die Mitgliederzahl auf heute 150. Aktuell besteht das Team der Agentur aus neun festangestellten Fachkräften, die seit 2017 neben Stadt und Landkreis Regensburg auch den Landkreis Kelheim inklusive einem Regionalbüro im Landratsamt Kelheim betreuen.

Die Energiewende droht zu versickern

Ich will jedoch nicht nur historische Details aneinanderreihen. Wir stehen vor anderen Herausforderungen. Die Energiewende droht derzeit in einem Wust von künstlich erzeugten Problemen, Interessenskonflikten und Lobbyismus zu versickern. Dabei wäre genau das Gegenteil nötig: Die sofortige Umstellung auf erneuerbare Energien.

Ende Mai fand in Berlin eine Konferenz statt, die uns alle berühren muss. Innerlich und äußerlich. Es ging um das Erdzeitalter. Professor Martin Head aus Kanada beschäftigt sich seit langem mit den Eingriffen des Menschen auf unserer Erde. Von ihm stammt das nüchterne Zitat: »Wir haben zur Erde gesprochen, jetzt antwortet sie uns.« Sein Kollege Colin Waters formulierte, dass die »Erde ihren natürlichen Zustand verlässt«, weil die Menschen die Natur des Planeten für immer verändert haben.

Geologen kennen keine dramatischere Aussage als diese. Die Mehrheit der Geologen ist davon überzeugt, dass ein neues Erdzeitalter begonnen hat. Danach endete etwa um das Jahr 1955 das Holozän und es begann das Anthropozän, in dem der Mensch seinen Lebensraum in einem Maße veränderte, wie es bisher nur durch erdgeschichtliche Ereignisse geschah.

Der Mensch ist eine Naturgewalt geworden

Wir machten uns vor, die Erde würde all das CO₂, den Dünger, das Gift, das Plastik einfach schlucken und dennoch dieselbe bleiben. Doch lässt es sich nicht länger leugnen: Die Eingriffe des Menschen sind so tiefgreifend, dass sie die Natur des Planeten für immer verändert haben.

Es gibt keinen Ort mehr auf der Erde, der frei ist von den Spuren des Menschen. Die Folgen sind schon jetzt unübersehbar: steigende Temperaturen, Artensterben, Fluten, Dürren und Stürme, Phänomene, die unsere Vorfahren so nicht kannten.

Dennoch war in Berlin von Umweltzerstörung, Artensterben und all den anderen alarmierenden Entwicklungen nur am Rande die Rede. »Wir sind nicht hier, um die Welt zu retten«, sagte Head über sich und seine 35 Kollegen von der Anthropocene Working Group. Ihre Aufgabe sei nachzuweisen, dass das Anthropozän begonnen hat. »Wir müssen die politischen, sozialen, kulturellen Fragen anderen überlassen.«

Sie ahnen es: Das ist unsere Aufgabe. Denn wir haben die Verantwortung und uns ereilen die Aufträge zu handeln. Was brauchen wir dafür? Da wären:

Der Mut zur Durchsetzung der Energiewende

Im Landkreis Regensburg läuft seit etlichen Jahren ein Genehmigungsverfahren für einen Windpark mit drei Anlagen, welches mit äußerster Sorgfalt betrieben wurde. Als die Genehmigung schließlich erteilt wurde, erhob die Nachbar-Gemeinde postwendend Klage gegen das Projekt und verzögert es damit. Vorgeblich aus formalen Gründen, in Wahrheit aber, weil es einer kleinen, aber lautstarken Gruppe von Windkraftgegnern gelungen war, Einfluss auf den Gemeinderat zu nehmen.

Wir müssen der Bevölkerung sagen, dass die Energiewende auch neue Sehgewohnheiten erfordert.

Fakt ist: Wir schalten im Einvernehmen mit einem Großteil der Bevölkerung das letzte Atomkraftwerk 2022 aus, wir verabschieden uns von der Kohle bis 2035 — und haben einen absoluten Stillstand beim Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der Windkraft. Für eine 10 H-Regel ist da kein Platz!

 Für die Kommunalpolitik und Bauleitplanung bedeutet das:

  • Keine Neubauten mehr ohne Solardächer!

  • Keine Neubaugebiete mehr ohne Wärmenetze aus erneuerbaren Quellen.
  • Wärmenetze auch für den Altbestand.
  • Umstellung der REWAG auf 100% erneuerbare Energien.

Im Übrigen: Gas, egal ob von Russen oder Amerikanern, ist keine erneuerbare Energie!

Von Bund und Land ist zu fordern:

  • Massive Förderung aller Speichertechnologien von erneuerbaren Energien.

Wir brauchen weiterhin:

  • Eine umfassende Verkehrswende für Regensburg, im Lokalen und Regionalen.
  • Bauen und gestalten wir den ÖPNV und den Radverkehr mit dem festen Willen aus, die bisher individuellen Verkehrsströme dorthin zu verlagern.
  • Elektrifizieren wir die Zugstrecken nach Hof und München.

 Und zusätzlich:

  • Den Willen, eingefahrene Wege zu verlassen, um Verhaltensänderungen, neue Denkansätze und neue Formen des sozialen Zusammenlebens zu entwickeln. Stichworte sind hier:
  • Die Reduzierung des Flächenverbrauchs.
  • Die massive Förderung der ökologischen Landwirtschaft.
  • Den Bau von Mehrgenerationenhäusern und Seniorenwohngemeinschaften.

 Umwelterziehung, -bildung und –beratung – ein zentraler Aspekt

  • Einführung eines Schulfachs Umwelterziehung in den Stundenkanon aller Schulen.
  • Förderung eines freiwilligen ökologischen und sozialen Jahres u. a. durch Anrechnung dieser Zeit bei Studium und Rentenversicherung.
  • Jede Gemeinde in Bayern braucht eine Klimaschutzmanager*in!

Was kann eine Energieagentur, wie unsere es ist, dazu leisten?

Sie kann in allen genannten Bereichen mitwirken, wenn ihre Mitglieder dies als Auftrag definieren und sie sich als Ausführende mit Kopf, Herz und Hand engagieren. Dazu ist, keine Frage, ein weiterer Ausbau der Agentur in der Region Regensburg und Kelheim nötig. Es darf keine weißen Flecken mehr bezüglich der Mitgliedergemeinden geben.

Deswegen wird ein für den Herbst 2020 geplanter Umzug der Energieagentur in ein neues Gebäude der Stadt Regensburg in der Nähe der Universität stattfinden. Neben dem Vereinssitz der Energieagentur wird dort in einem hochinteressanten Gebäude für die Stadt und den Landkreis ein bayernweit einmaliges Informations- und Erlebniszentrum in Sachen Energie und Klima entstehen.

Gemeinsam und mit voller Kraft in die Zukunft

Die Herausforderungen hinsichtlich Energieeinsparung und Ausbau erneuerbarer Energien sind auch in unserer Region mächtig. Wir brauchen eine starke, unabhängige und neutrale Energieagentur, um die Klimaziele in unserer Region zum Wohle unserer nächsten Generationen erreichen zu können. Ich wünsche mir viele neue Mitgliedschaften von Unternehmen in allen Größen und Branchen, um die gewaltigen Chancen und Möglichkeiten der Energiewende aufzugreifen und umzusetzen.

Zehn erfolgreiche Jahre Energieagentur Regensburg liegen hinter uns, doch jetzt stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära! Lassen Sie uns gemeinsam und mit voller Kraft in die Zukunft gehen! Diese Zukunft soll von der Schönheit einer nachhaltigen Entwicklung geprägt werden.

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