Ostwind. An Energie gewinnen.

Klimaschutz zahlt sich aus

Foto: Carolin Wendel

21.12.2021

Was ein Klima-Kanzler vom Kartoffelkönig lernen könnte. Von Prof. Dr. Claudia Kemfert

Wir kennen das Phänomen aus der Geschichte. Niemand würde heute fragen: "Können wir uns Kartoffeln leisten? Machen sie uns satt?" Doch noch vor 400 Jahren kämpfte dieses für uns heute so selbstverständliche und weltweit wichtige Lebensmittel mit der Skepsis und Vorurteilen weiter Teile der Bevölkerung.

Spanische Eroberer hatten die Knolle 1525 im Inkareich kennengelernt und nach Europa mitgebracht. Doch es vergingen gut zwei Jahrhunderte, in denen die Pflanze zwar als exotische Zierpflanze in botanischen Gärten von Adeligen beliebt war, aber der Nährwert der Knolle maßlos unterschätzt wurde.

Politik mit Kartoffelbefehlen und Knollenpredigern

Erst Friedrich der Große, bei dessen Thronübernahme 1740 das Land eine Hungersnot plagte, erkannte, welche Chance und welcher Nutzen den Erdäpfeln innewohnte. Zwischen 1746 und 1768 erließ er mehrere "Kartoffelbefehle", mit denen er seinen Beamten auftrug, den Preußen "begreiflich zu machen", dass sie Kartoffeln anbauten, wo immer es möglich war. Er verschenkte Saatkartoffeln und ließ den Anbau durch Staatsdiener kontrollieren.

In einer historischen Ausstellung in Potsdam 2012 wurde anhand des scheinbar banalen Themas Kartoffel gezeigt, wie der Preußenkönig in "lebenslanger Arbeit einen modernen Staat" geprägt hat. Als Botschafter der modernen Landwirtschaft wirkten viele Pastoren, die als sogenannte "Knollenprediger" die Anweisungen des Monarchen verbreiteten. Und interessanterweise kultivierten vor allem Kleinbauern die Kartoffel – praktisch in ihrem eigenen Garten – und trugen damit erheblich zur Durchsetzung der neuen Lebensweise bei.

Von Hungersnöten zur Klimakatastrophe

Der Preußische "Kartoffelkönig" sucht seine globale Klima-Nachfolge. Der Unterschied: Nunmehr ereignen sich als Folge der steigenden Erderhitzung nicht nur vereinzelte Hungersnöte, sondern Dürren, Waldbrände, Flutkatastrophen und ein dramatisches Artensterben weltweit. Es geht nicht mehr nur um das Überleben ärmster Bevölkerungsgruppen, es geht um das Überleben des Planeten als Ganzes.

Drei Dinge sollten wir deswegen möglichst schnell vom preußischen "Kartoffelkönig" lernen. Erstens: Es muss mehr und deutlicher über die Folgen des Klimawandels und die Chancen des Klimaschutzes kommuniziert werden. Ein ungebremster Klimawandel verursacht enorme wirtschaftliche Schäden. Klimaschutz ist Katastrophenschutz. Jeder Euro, den wir jetzt investieren, spart 15 Euro an Kosten für Klimaschäden ein. Klimaschutz zahlt sich aus!

Ein Booster für mehr Klimaschutz

Zweitens: Wir benötigen einen Modernisierungs-Booster für Klimaschutz und brauchen entsprechende staatlich gelenkte Anreize und Impulse. Noch immer sind wir zu abhängig von fossilen Energien. Die beste Antwort auf fossile Energiepreissprünge ist die Energiewende. Wenn wir jetzt das Ausbautempo erhöhen, können wir eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien bis 2040 schaffen. Gleichzeitig müssen wir alles tun, um Energie einzusparen. Der kostbare Ökostrom muss sofort und überall – sei es in der Elektromobilität oder Wärmepumpe – genutzt und darf nicht verschwendet werden. Efficiency first!

Drittens: Klimaschutz schafft – wenn wir es richtig machen – wirtschaftliche Chancen auch und gerade für Menschen mit geringerem Einkommen. Es beginnt eine Zeit der Investitionen, die Krise ist eine Chance. Genau diese Zusammenhänge wiederhole ich – siehe "Kartoffellektion 1" – gebetsmühlenartig in der breiten Öffentlichkeit. Denn angesichts der wachsenden Klimakrise ist es dringend nötig, dass wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten 40 Jahre größeres Gehör finden. Nicht zuletzt auch deswegen, weil es leider immer noch intensive Abwehr- und Leugnungsstrategien interessierter Kreise gegen gibt.
 

Claudia Kemfert

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. 2016 wurde sie in den Sachverständigenrat für Umweltfragen beim Bundesumweltministerium berufen. Aktuelle Bücher: "Das fossile Imperium schlägt zurück – Warum wir die Energiewende verteidigen müssen" (2017) und "Mondays for Future – Freitags demonstrieren, Samstags diskutieren und am Montag anpacken und umsetzen" (2020).

Mehr unter www.claudiakemfert.de >
Info-Flyer zur Geschichte der Kartoffel >

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